Beim Biathlon-Coaching gibt’s kein „Schema F“

Beim Biathlon-Coaching gibt’s kein „Schema F“

Warum Coaches im Biathlon so wichtig sind und wie sie mentale Stärke und Motivation fördern

Von Andreas Stitzl
veröffentlicht: 03.12.2018

Leistungssport geht nicht ohne Leidenschaft und eisernen Willen. Unsere deutschen Biathleten sind motiviert, das Beste zu geben, das ganze Jahr, jederzeit. Der Job des Trainers endet aber nicht nach dem Training. Ich war als Co-Trainer der deutschen Biathlon-Nationalmannschaft an den Strecken der Weltcups und der Olympischen Spiele und habe es hautnah erlebt: Wenn wir am Streckenrand coachen, holen wir die letzten Reserven, das letzte versteckte Potential unserer Mädels und Jungs hervor.

Motivation am Streckenrand: Coaching im Wettkampf

Mit dem Coach am Streckenrand haben die Biathleten einen ihrer größten Motivatoren und Verbündeten. Zwar haben wir als Coaches im Biathlon weniger Möglichkeiten direkt einzugreifen als etwa ein Fußballtrainer. Wir geben den Biathleten am Streckenrand aber das Gefühl, dass sie nicht alleine sind. Die Biathleten bekommen mündlich Informationen über Schießfehler, Zeiten, Platzierung und Abstand zur Bestzeit. Das ist eine Einnordung, eine Richtungsweisung, die motivieren soll. Dabei ist auch entscheidend: Geht’s grad um eine Top-Position oder sind unsere Biathleten durch einen Schießfehler auf Platz 40? Dann ist es meine Aufgabe als Coach, den Biathleten eher wieder aufzurichten.

Wenn der Erik Lesser nur wenige Sekunden Rückstand auf einen Medaillenplatz hat und ich ihm durchgeben kann, dass sein Vordermann gerade verschossen hat, ist das ein enormer Anschub.

Aktives Coaching: „Stell’ die Frequenz um!“

Der Coach am Rand der Strecke kann aktiv seine Rolle als Mentor ausüben: Er kann die Haltung seiner Schützlinge korrigieren, Tipps geben, eine andere Lauffrequenz oder Ski-Technik vorschlagen. Wir haben als Coaches am Streckenrand die Übersicht über die Strecke und das gesamte Geschehen, die den Sportlern fehlt. Wir sehen, wie sich die Strecke während des Wettkampftages verändert, wenn sie befahren wird. So kann ich den Biathleten im Laufe des Wettkampfes zurufen, wo sie an gewissen Abschnitten besser durchkommen, etwa in der Innen- oder Außenspur. Manchmal lohnt es sich, Spuren zu laufen, die noch nicht so ausgetreten sind. Auch das ist ein Teil der Motivation, der mentalen Unterstützung für unsere Biathleten: Da ist einer, der Coach, der ein Auge auf diese Dinge hat. Da ist einer, der auch Verantwortung übernimmt.

Viele fragen: Was macht der Coach am Wettkampftag überhaupt, die Biathleten müssen doch eh auf voller Leistung laufen? Aber die Biathleten geben mir immer positive Rückmeldungen, wenn ich besonders intensiv coache. Das geht von bloßem Anfeuern bis hin zu praxisnahen, situationsbezogenen Tipps.

Körpersprache als Kommunikationsmittel

Jeder Athlet ist ein wenig unterschiedlich. Die Kommunikation zwischen Leistungssportler und Coach geschieht im Biathlon aber immer über Körpersprache: Setzt der Coach am Rand aktiv dazu an, Informationen zu geben, kann der Biathlet nicken oder den Kopf schütteln und damit signalisieren, ob er bereit für Input ist.

Es gibt da ganz verschiedene Typen. Der Arndt Pfeiffer will zum Beispiel vor dem Stehendschießen eher nicht seine Platzierung wissen.

Rückmeldungen an den Coach geben Biathleten durch Blickkontakt – etwas anderes ist im Profi-Segment einfach nicht machbar: Der Biathlet muss maximal konzentriert bleiben und kann weder gestikulieren, noch mehr als ein „verstanden“ oder „nicht verstanden“ rufen.

Ich habe es immer so gemacht: Laut den Namen des Biathleten rufen, auf Blickkontakt warten, coachen oder anfeuern.

Biathlon WM

Mentale Stärke: So wachsen Biathleten am „Störfeuer“

Und dann gibt es da noch diese sehr selbstbewussten, souveränen Konkurrenten, die ein wenig psychische Tricks ausspielen. Das ist weder regelwidrig, noch kriegen das die Zuschauer unbedingt mit. Ein Beispiel: Direkt vor dem Schießstand, also beim „Einfahren“, muss der Biathlet maximale Konzentration aufbauen. Ein sehr starker Kontrahent hat einmal unmittelbar vor dem Schießstand den Laufweg von Simon Schempp unnötig nach rechts gekreuzt und damit provoziert, dass Simon direkt an ihm vorbeilaufen musste. Das kostet nicht wirklich Zeit, rüttelt aber an der Konzentration. Das analysieren wir hinterher mit unseren Biathleten und trainieren so unsere mentale Stärke gegen solche „Störfeuer“. Auch das ist Motivation: agil und flexibel zu sein, mentale Stärke aufzubauen, derartige Situationen nicht an sich heranzulassen. Ganz wichtig, vielleicht das Wichtigste für mentale Stärke, ist die Erfahrung: Erfolgserlebnisse, aber auch der Umgang mit Rückschlägen in der Wettkampfsituation. Vor zigtausenden Menschen zu schießen ist enorm belastend. Das Mentaltraining ist aber höchst individuell. Im deutschen Team gibt es nicht den einen Sportpsychologen für alle. Wir dürfen nicht vergessen: Letztlich kämpfen auch die deutschen Biathleten gegeneinander, abgesehen von der Staffel vielleicht.

Diese mentalen Aspekte sind ähnlich wie alle anderen Coachings im Biathlon: Es gibt kein Schema F, niemals!

Mut zur Weltcup-Lücke?

Die psychische und physische Belastung in der Weltcup-Saison ist enorm und kann an der mentalen Stärke und somit letztlich an der Motivation der Biathleten kratzen. Und wir hören immer: „Naja, die Biathleten können doch einen Weltcup auslassen, wenn sie möchten, oder?“. Aber wir haben Erwartungen von allen Seiten, mal abgesehen davon, dass die Athleten selbst heiß drauf sind, Punkte zu holen.

Einen Wettkampf auszulassen, um sich zum Beispiel auf die WM vorzubereiten, geht nicht einfach so. Regeneration gibt es fast nur zwischen Weihnachten und Neujahr.

Aber auch hier gilt: Es gibt kein Konzept für jeden. Es muss alles situationsbedingt und individuell entschieden werden. Vielleicht brauchen wir aber mehr Mut zur Lücke, mehr Mut zu sagen: Hier können wir mal eine Station auslassen, unseres Körpers und unserer Psyche zuliebe.

Wenn ich am Sieg eines unserer deutschen Biathleten durch mein „lautes Organ“ teilhaben darf, ist das ein wunderbares Gefühl. Und das ist es, worauf unsere Biathleten das ganze Jahr hinarbeiten, auch ohne dass wir sie motivieren müssen: Auf die nächste Weltcup-Saison.

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