Das Leben als Profi-Biathlet – Wenn die Leidenschaft zum Beruf wird
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Das Leben als Profi-Biathlet – Wenn die Leidenschaft zum Beruf wird

Vanessa Hinz und Erik Lesser sprechen über ihre Liebe zum Biathlon, Selbstzweifel und Zukunftspläne

Von ERDINGER Alkoholfrei
veröffentlicht: 17.01.2020

Definitiv kein Nine-to-five-Job. Der Alltag eines Profisportlers ist ganz anders als der eines Büroangestellten. Warum sie genau diesen Sport ausüben, was die beste Entscheidung im Profisport war und was nach der Karriere kommt, haben uns die Biathleten Vanessa Hinz und Erik Lesser verraten. Im Interview sprechen die beiden Profisportler über ihre Faszination für den Sport, ihre Selbstzweifel und darüber, was aus ihnen geworden wäre, wenn sie nicht beim Biathlon gelandet wären.

Im idyllischen Schliersee in Bayern aufgewachsen, begann sie ihre Langlaufkarriere im ortsansässigen Verein. Im Jahr 2012 wechselte Vanessa Hinz dann zum Biathlon und konnte schon bald darauf erste internationale Erfolge feiern. Ihren aktuellsten Sieg erlangte sie bei der Weltmeisterschaft 2019 in Östersund (Schweden), wobei sie auf dem 2. Platz bei der Mixed Staffel landete.

Im Alter von sechs Jahren begann auch Erik seine Karriere im Langlauf. Mit 13 Jahren wechselte er dann zum Biathlon und blieb dort. Seine größten Erfolge feierte er bei den olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi, wobei er Silber im Einzel und der Staffel erreichte.

Vanessa, war es schon immer dein Traum, Profisportlerin zu werden?

Schon als kleines Kind habe ich Ole Einar Bjørndalen bewundert, durfte Uschi Disl mal persönlich treffen. Und: Peter Schlickenrieder wohnt in Schliersee, meinem Heimatort. Und ich selbst, ja – natürlich hatte ich meine Träume, aber von einer Karriere als Profisportlerin hätte ich niemals zu träumen gewagt.

Bei dir liegt Sport in der Familie, Erik, schon dein Opa war erfolgreicher Wintersportler. Verpflichtet das?

Es scheint vielleicht eine Verpflichtung zu sein, aber bei uns ging es nie darum, irgendjemandem nachzueifern. Ich konnte mich immer selbst entscheiden, worauf ich Lust habe. Dass ich mit Langlauf angefangen habe, war nicht nur wegen der Sportart toll – sondern es war auch für die Kinderbetreuung die beste Lösung.

Du warst auf dem Sportgymnasium, wurde da bereits der Weg zum Profisport geebnet?

Auf jeden Fall! Für die Aufnahme im Sportgymnasium muss jeder Anwärter bestimmte Leistungen in seiner Sportart erbringen und einen Aufnahmetest bestehen. Das dezimiert das Feld derer, die am Ende auf der Schule landen. Und ab genau diesem Zeitpunkt hatte jeder von uns – natürlich auch ich – den großen Traum, später einmal bei Weltmeisterschaften zu siegen.

Vom Langlauf zum Biathlon – wie ist dein Wechsel zustande gekommen? Was war ausschlaggebend?

Nach dem Karriereende von Magdalena Neuner wurden Nachwuchstalente sowohl im Biathloncamp als auch im Langlauflager gesucht. Ich wurde zu einem Biathlon-Schnuppertraining eingeladen und habe Blut geleckt. Mir gefiel die Kombination aus Laufen und Schießen.

Eines Tages bin ich aufgewacht und wusste: Ich will Biathletin werden.

Wirst du dem Biathlon erhalten bleiben?

Mein Herz schlägt jetzt für Biathlon und ein kleiner Teil wird auch nach meiner Karriere immer dafür schlagen. Ich hoffe natürlich, dass diese noch ein bisschen andauern wird. Nichtsdestotrotz macht man sich Gedanken über die Zukunft. Ich könnte mir gut vorstellen, ein Studium zu beginnen. Aber wie sagt man so schön in Bayern: Schau ma moi, dann seng ma scho.

Und bei dir, Erik? Was fasziniert dich am Biathlon?

Es ist es etwas ziemlich Schönes, im Winter auf einer einsamen Loipe Ski zu laufen. Vor allem in Norwegen auf langen Wegen durch den Wald, wenn weit und breit kaum andere Läufer unterwegs sind.

Eine Stille, die man im Sommer nicht genießen kann. Biathlon ist Faszination.

Und ich kann immer nur wiederholen: Die Kombination aus Schießen und Laufen hält nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für die Athleten die Spannung extrem hoch.

Was wärt ihr geworden, wenn nicht Profisportler? Gab es einen Plan B in der Karriereplanung?

Beim Wechsel ins CJD Sportinternat nach Berchtesgaden kamen mir die Fragen „Was machst du nach dem Abitur?“ und „Wechsel ich nun zum Biathlonsport?“ auf. Da reflektiert man die bisherige Laufbahn und wägt natürlich einen Plan B ab. Für mich stand aber dann fest, dass ich weiterhin versuchen will, meine Leidenschaft zu meinem Beruf zu machen – und glücklicherweise habe ich dieses Privileg. Wenn nicht der Profisport, wäre es vielleicht der Job als Lehrerin geworden.

Da ich in meiner Schulzeit nie einen Plan B hatte, kann ich auch gar nicht sagen, was ich ohne Sport geworden wäre. Auch jetzt gibt es nichts, was mich mehr interessiert als Sport.

Was gibt euch der Sport?

Lebenslang kostenloses ERDINGER Alkoholfrei – nein, Spaß beiseite.

Der Sport zeigt mir, dass das Leben nicht geradlinig verläuft, dass es Höhen und Tiefen gibt. Er schenkt dir einige der schönsten Momente des Lebens, aber kann dir auch den Boden unter den Füßen wegreißen.

Mir gibt der Sport die Möglichkeit, ein wenig mehr von der Welt zu sehen. Und ich habe natürlich mein Hobby, meine Passion, zum Beruf gemacht und kann das machen, was ich wirklich will. Ein netter Nebeneffekt ist, dass ich das Ganze auch noch mit Freunden machen kann.

Was gefällt dir besonders gut daran, Biathlet zu sein? Und gibt es Momente, im Training oder in Wettkampfphasen, die dir gar nicht gefallen?

Momente des Erfolgs - ein Staffelsieg, ein Einzelpodium oder eine Platzierung in den Top 6 - lassen mein Herz höher schlagen. Ein Sprichwort besagt jedoch, dass Wintersportler im Sommer gemacht werden. Wenn es draußen regnet, stürmt und die Feuchtigkeit in deine Klamotten zieht, dann kann mir keiner sagen, dass das immer Spaß macht.

Biathlet
© ERDINGER Alkoholfrei

Quälst du dich gern? Wo fällt es dir leichter, im Training oder im Wettkampf?

Auf dem Rad fällt es mir überhaupt nicht schwer. Sonst ist der Einstieg ins intensivere Training immer mit Qualen verbunden. Auf den Skiern im Winter fällt es mir auch recht leicht, wobei dann auch die Tagesform eine Rolle spielt. Grundsätzlich gilt aber: Wenn die Startnummer dran ist, dann immer Vollgas.

Wie sieht bei euch ein typischer Tag aus?

Morgens geht es früh hoch für mich, gegen 6:50 Uhr. Danach frühstücke ich ausgiebig und starte dann mit dem Training in der Chiemgau Arena um 8:30 Uhr. Nach dem Training geht es nach Hause zum Mittagessen. Mit einem Mittagschläfchen hol ich mir etwas Energie zurück und dann geht’s auch schon wieder los zum zweiten Training am Tag. Gegen 18 Uhr steht meist noch ein Physio-Termin an und danach lasse ich den Tag langsam ausklingen. Von jetzt an wird nur noch das Abendbrot, meist Brotzeit, genossen und bis zum Schlafengehen ausgeruht, um fit für den nächsten Tag zu sein.

Zwei Stunden vor Trainingsbeginn stehe ich auf. Dann geht es erst mal mit dem Hund zum Bäcker und dann gibt es Frühstück. Morgens trainiere ich ca. 2,5 Stunden. Um 12 Uhr gibt es dann Mittag und mittlerweile Mittagsschlaf mit meiner Tochter. Nachmittags dann noch mal 1,5-2 Stunden Training und dann ist Familienzeit. An den Wochenenden habe ich meist frei. In den Trainingslagern ist der Ablauf etwas anders: Drei Tage wird trainiert und der vierte Tag ist frei, dann wieder drei Tage Training und einen Tag frei.

Verzichtest du auf bestimmte Dinge im Leben, um erfolgreich zu sein? Wie hart ist es, diszipliniert zu sein?

Gerade in jungen Jahren braucht es viel Disziplin, denn hier sind die Versuchungen natürlich sehr groß. Nichtsdestotrotz müssen Entscheidungen getroffen werden. Will ich nun Profisportler werden oder nicht? Wenn ja, sollte man alles daran setzen, auch wenn es heißt, auf das ein oder andere zu verzichten. Manchmal ist es schon sehr hart für mich, wenn meine Freunde mal feiern gehen und ich dann leider nach Hause muss, aber das ist einfach der Preis, den man dafür zahlen muss. UND: Profisport ist zeitlich absehbar.

Puh, komplizierte Frage. Der Tagesplan an sich lässt kaum Platz für einen exzessiven Lebensstil. Am Wochenende ist man einfach nur froh, mal Pause zu haben und zu entspannen. Beim Essen verzichte ich auf nichts. Wenn ich Lust auf Junkfood habe, dann her damit. Gerade auf Reisen ist es schwer, sich vernünftig zu ernähren, und dann muss es oft schnell gehen. Aber zu Hause oder in Hotels sucht man sich das Essen aus, das die meiste Power gibt. Abends Schokolade oder Chips sind auch kein Problem bei unserem täglichen Kalorienverbrauch.

Hast du manchmal Selbstzweifel?

Zu Beginn der Saison weiß ich nie, wo ich stehe, wie gut ich trainiert habe und für was es reicht. Das ist meist der Zeitpunkt der größten Selbstzweifel, die, glaube ich, jeder Sportler kennt.

Mit welchem Sportler würdest du gerne einmal die Rollen tauschen?

Roger Federer, er hat so viel erreicht, wirkt immer noch bodenständig und bekommt trotzdem nicht genug von seiner Leidenschaft.

Ich würde gerne mit Johannes Bö tauschen. Einfach das Gefühl kennen: Am Start stehen und mächtig abliefern, von der ersten bis zur letzten Runde einmal der Schnellste sein. Das hatte ich schon lange nicht oder eher noch nie.

Was ist dein Highlight/die beste Entscheidung der Karriere?

Rückblickend war der Wechsel vom Langlauf zum Biathlon eine meiner besten Entscheidungen. Der Massenstart in Kontiolahti 2017 war bisher mein größtes Highlight.

Als Erstes über die Ziellinie zu laufen ist ein überwältigendes Gefühl. Dann zeigt, sich wofür ich im Sommer gearbeitet habe.

Ich habe im Jahr 2010 die Skimarke hin zu Salomon gewechselt. Seither kann ich mich zu 100 Prozent auf meine Skier verlassen. Gerade bei den Rennen, in denen ich meine Einzelmedaillen gewonnen habe, spielten die Skier eine riesige Rolle. Das war also eine sehr gute Entscheidung. Highlights waren natürlich meine ersten Olympischen Spiele in Sotchi 2014 und die WM 2015 in Kontiolathi.

Was würdet ihr anderen mit auf den Weg geben, die auch die Profi-Biathlon-Laufbahn einschlagen wollen?

Bleibt euch selbst treu und geht euren ganz eigenen Weg. Man soll sich nicht von anderen verbiegen lassen.

Immer her mit dem Nachwuchs. Ich würde ihnen mit auf den Weg geben: „Wenn ihr es macht, dann mit Überzeugung.“

Biathlon – das ist Ausdauer, Schnelligkeit, Spannung und Genauigkeit. Die zwei Profi-Biathleten konnten uns einen spannenden Einblick in ihr alltägliches Leben zwischen Privatem und Leistungssport geben. Du bekommst nicht genug vom Thema Biathlon? Dann schau mal mal auf unserer Biathlonseite vorbei, hier findest du viele interessante Informationen zu diesem beliebten Wintersport.

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