Weltmeister der Ausdauer?

Weltmeister der Ausdauer?

Warum ein Fußballspiel selbst Profi-Triathleten gewaltig anstrengt

Von ERDINGER Alkoholfrei
veröffentlicht: 22.06.2018

Bei der Entscheidungsfrage „Sprint oder Dauerlauf?“ antwortet ein Triathlet sehr wahrscheinlich ohne zu zögern mit „Dauerlauf“. Bei einem Fußballspieler ist die Antwort unklar, denn er kann bestenfalls beides gut. Im Training laufen Fußballspieler viel, um ihre Grundlagenausdauer auszubauen. Im Spiel geht es im Sprint von einer rasanten Balleroberung zur nächsten – und so schnell wie möglich vor das gegnerische Tor. Kein Problem für Triathleten?

„Ich bin ein ganz schlechter Sprinter. Als Kind wurde ich im Sprint immer von allen Mädchen abgezogen. Aber je länger die Strecken dauerten, desto besser wurde ich.“ Patrick Lange, Profi-Triathlet

Warum Fußball von Triathleten mehr fordert als ein Paar Stollenschuhe

Triathlon: Nach vorne, nach vorne, nach vorne

„Swim, bike, run“ heißt es für Triathleten jeder Distanz. Das alles sind Bewegungsabläufe, die den Athleten geradeaus nach vorne bringen. Denn im Triathlon geht es um nichts anderes als möglichst schnell von A nach B zu kommen – vom Start bis ins Ziel.

So lange, bis die jeweilige Distanz absolviert ist, wiederholen sich die einzelnen Bewegungsabläufe – kontinuierlich und ausdauernd.

Triathleten sind Weltmeister der Ausdauer: Ist beim Schwimmen der Armzug beendet, beginnt er wieder von vorne. Beim Radfahren tritt der Athlet immer und immer wieder in die Pedale. Beim Laufen setzt er unzählig oft einen Fuß vor den anderen – bis über die Ziellinie.

Beim Triathlon gibt es keinen Abpfiff. Du hast es erst dann geschafft, wenn du alle Disziplinen gemeistert hast.

Fußball: Viel laufen ist gut, aber nicht alles

Bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Brasilien war Thomas Müller der laufstärkste Fußballer. In sieben Spielen lief er mit 84 Kilometern gleich zwei Marathons. Das entspricht 400 Mal von einem Tor zum anderen zu laufen. In einem regulären Bundesliga-Spiel läuft ein Profi-Fußballer durchschnittlich 10 bis 11 Kilometer, bis der Abpfiff die 11 Spieler beider Teams erlöst – und Jubel oder Ärger mit sich bringt. Für einen Marathon bzw. die IRONMAN-Laufdistanz müssten Profi-Fußballer also etwa das Vierfache von dem laufen, was sie aus einem einzigen Spiel gewohnt sind.

Die laufstärkste und -schwächste Mannschaft in der Fußball-Bundesliga (Saison 2017/2018)

Laufstark: Als Tabellendritter lief die TSG 1899 Hoffenheim gemeinsam als Mannschaft 4054,94 Kilometer. Das ergibt pro Spieler und Spiel knapp 11 Kilometer.

Laufmuffel: Der FC Bayern München steht an erster Stelle in der Tabelle – ganz anders sieht das bei seiner Laufleistung aus. Dort belegen die Münchner mit 3816,34 Kilometern als Mannschaftsleistung den letzten Platz. Pro Spieler und Spiel macht das nur wenig mehr als 10 Kilometer. Laufen ist beim Fußball eben nicht alles. Mit der Laufdifferenz von 239 Kilometern zwischen Hoffenheimern und Bayern könnte der Tabellendritte immerhin eine Luftlinien-Reise von Hoffenheim in die Schweiz nach Luzern unternehmen. – Ein Triathlet in der Langdistanz nimmt in etwa dieselbe Strecke allein auf sich, rechnet man Schwimmen, Radfahren und Laufen zusammen.

Fußball: Alle paar Sekunden blitzschnell reagieren

Es ist aber nicht die Distanz, die einen gut trainierten Fußballer fordert, sondern die Intensität eines Spiels. Fußball ist ein intensives Intervalltraining mit Be- und Entlastungsphasen: Ein Fußballspieler muss durchschnittlich alle 5 Sekunden die Laufrichtung ändern, um Ball und Gegner nicht aus den Augen zu verlieren. Das fordert Reaktionsvermögen, Koordination und eine Menge Energie. Während der 90 Spielminuten sprinten Fußball-Profis durchschnittlich 800 bis 1200 Meter, bremsen immer wieder ab und beschleunigen – eine enorme Belastung.

Die schnellsten Läufer in der Fußball-Bundesliga mit ihren Spitzengeschwindigkeiten (Saison 2017/2018)

  • 1. Ihlas Bebou (Hannover 96): 35,25 km/h
  • 2. Denis Zakaria (Borussia Mönchengladbach): 35,07 km/h
  • 2. Marcel Heller (FC Augsburg): 35,07 km/h

Bei einem Triathlon geht es nicht um einzelne Spitzengeschwindigkeiten, sondern um konstante Ausdauer auf längerer Strecke. Patrick Lange lief den Streckenrekord während des IRONMAN Hawaii 2017 mit durchschnittlich 15,86 km/h. Die 180 Kilometer mit dem Rad fuhr er im Durchschnitt mit 40 km/h.

Spitzengeschwindigkeiten
©ERDINGER Alkoholfrei

Triathleten wie Patrick Lange laufen beim Ironman 42,195 Kilometer – nach 3,8 Kilometer Schwimmen und 180 Kilometer Radfahren – über einen Zeitraum von 160 Minuten konstant mehr als doppelt so schnell wie ein Fußballspieler durchschnittlich über 90 Minuten. Dafür variieren Fußballer ihre Geschwindigkeiten von rasanten Sprints bis hin zu abrupten Stopps – innerhalb von Sekunden. UND: Ein guter Fußballer kann auch nach 85 intensiven Minuten auf dem Platz nochmal Vollgas geben und eine Spitzengeschwindigkeit jenseits der 30 km/h erreichen. Ob Fußballer oder Triathlet: Beide bringen sportliche Höchstleistungen in ihrer Disziplin.

Kann ein Triathlet ein intensives Fußballspiel durchhalten?

Ja, sicherlich irgendwie. Ihm wird natürlich vor allem eines fehlen: Das Ballgefühl. Wenn er sich richtig reinkniet und das Tempo des Spiels mithält, wird er nach dem Spiel den Muskelkater seines Lebens haben. Denn das Schwierige ist, selbst für einen maximal trainierten Triathleten, die ungewohnte Belastung von Explosivität und Richtungswechsel. Bei den Tempowechseln kann er punkten und hat weniger Schwierigkeiten: Er integriert Intervalleinheiten in seinen Trainingsplan, um eine Strecke schneller laufen zu können. Trotzdem sind 90 Minuten Fußball eine andere Dimension. Wenn sich ein Triathlet vorbereitet, sollte er sich wacker schlagen können – natürlich ohne Torgarantie. ;) Und genauso könnte auch ein Fußballer (ohne Bestzeit) einen Marathon laufen, wenn er alles aus sich rausholt.

Eine ehemalige Fußball-Nationalspielerin beweist, dass Fußballer auch zu Triathleten werden können

Petra Wimbersky spielte von 1999 bis 2012 als Fußball-Profi in der Bundesliga und von 2001 bis 2008 in der deutschen Nationalmannschaft. Damals beendete eine Knieverletzung ihre Profi-Karriere, die sie als Chance für ihren großen Triathlon-Traum sah. Nach intensivem Training gab sie 2014 ihr doppeltes Triathlon-Debüt – in der Olympischen Distanz am Schliersee und in der Mitteldistanz am Chiemsee. Mit diesem Disziplin-Wechsel ist sie nicht allein: Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber auch David Beckham kündigte an, er wolle beim Ironman Hawaii mitmachen. Vielleicht erleben wir seine Triathlon-Karriere ja noch.

Ein Triathlon – mit sich immer wiederholenden Bewegungsabläufen in drei Disziplinen – lässt sich nur schwer mit einem rasanten Fußballspiel vergleichen. Egal, welcher Sportler die jeweils andere Sportart auf hohem Niveau ausprobiert – er wird kämpfen und einen richtig üblen Muskelkater ertragen müssen.

Beim Triathlon ist der Weg zumindest ein Teil des Ziels. Die Arbeit mit dem eigenen Körper, die Vorbereitung, das Gefühl, wenn der Tag da ist. Gute Gründe für einen Triathlon und die besten Tipps zur Vorbereitung findest du auf unserer großen Themenseite.

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